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Umgang mit Careleaver-Background

  • Hallo zusammen,

    ich habe seit einigen Tagen die Jugendhilfe beendet und wohne das erste Mal in einer normalen WG. Bald fange ich auch ein Studium an. Ich bin mir leider sehr unsicher, wie offen ich sein kann/darf/soll bzgl, dass ich Careleaver bin.
    Meiner Mitbewohnerin habe ich es inzwischen anvertraut, da ich aktuell auch noch eine ambulante Hilfe habe, die manchmal mit in meine WG kommt und ich mir da keine Lügen ausdenken wollte.
    Aber ich weiß noch nicht, wie ich damit im Studium umgehen soll. So Smalltalkfragen wie "wo hast du davor gewohnt?", "soll ich dich mit dem Auto mal mit zu deiner Familie nehmen, wenn wir aus der gleichen Ecke kommen?" und "wer hat dir denn beim Umzug geholfen?" (kam halt mit meiner Bezugi, die vom Alter her halt echt nicht meine Mutter sein könnte 😅) fallen mir irgendwie total schwer. Ich will mich nicht in Ausreden verstricken, aber ich will halt auch nicht so was recht privates direkt am Anfang jmd anvertrauen.
    Als ich noch in meiner Wohngruppe war habe ich bei so Fragen halt immer gesagt ja ich wohn noch Zuhause bzw wenn mich eine Person besser gekannt hat ihr es halt gesagt, weil ich sie dann ja auch mal zu mir einladen wollte.
    Habt ihr vill Tipps bzw eigene Erfahrungswerte, wie ihr damit umgeht?:)
    Dafür wäre ich sehr dankbar!

  • Admin

    Hallo @moon, das ist eine sehr spannende und gleichzeitig sehr individuelle Angelegenheit. Auf jeden Fall ist es schon sehr cool, dass du deine Gedanken zu dem Thema "Umgang mit Careleaver-Background" hier teilst. Und auch stark, dass du dich deiner Mitbewohnerin bereits anvertraut hast. Ich persönlich denke, dass jede Person die darüber aufgeklärt werden kann, dass Careleaver starke Persönlichkeiten sind und so das negativ Stigma vom Heimkind abgebaut werden kann hilft. Ich kann aber auch nachvollziehen, dass es ein Prozess und du nicht gleich immer direkt allen Menschen dein Privatestes anzuvertrauen.
    Bist du denn im Kontakt mit anderen Careleavern und kannst dich austauschen?

  • Hey @moon
    ich kann gut nachvollziehen, dass du nicht jedem am Anfang erzählen möchtest, dass du mal in einem Heim gelebt hast aber die Leute gleichzeitig auch nicht anlügen möchtest. Ich hatte das gleiche Problem. Jedoch hab ich mich dann dazu entschieden einfach bei der Wahrheit zu bleiben und offen und ehrlich zu erzählen, dass ich im Heim aufgewachsen bin. Denn ich bin der Meinung das man sich nicht dafür schämen sollte Careleaver*in zu sein, man sollte eher stolz darauf sein, denn das hat dich zu dem Menschen gemacht der du jetzt bist.
    Anfangs war es für mich nicht leicht offen darüber zu reden aber mit der Zeit konnte ich immer besser darüber sprechen und habe dann auch angefangen weitere Fragen diesbezüglich zu beantwortet (warum bist du im Heim aufgewachsen…). Alle haben das ganze sehr positiv aufgenommen und waren sogar begeistert. Ich glaube, dass es bei dir ähnlich sein würde.
    Natürlich wissen die anderen dann etwas privates von dir aber du musst denen ja nicht deine ganze Lebensgeschichte erzählen wenn du das nicht möchtest.
    Hoffentlich konnte ich dir weiterhelfen
    Steh zu dir selbst und viel Glück beim Studium 🙂

  • Hii @moon,
    erstmal herzlichen Glückwunsch zum Auszug und deinem bald beginnenden Studium. Viel Erfolg dafür!
    Zu deiner Frage: ich persönlich finde, dass es hier weder richtig noch falsch gibt. Ich kenne einige CareLeaver* die sehr offen mit ihrem Weg und ihrer Geschichte umgehen und welche, die es eben nicht tun. Da gibt es keine Regeln. Wichtig ist hier, aus meiner Sicht, dass du nach deinem eigenen Gefühl entscheidest. Setz dich selbst nicht zu sehr unter Druck! Dir Dinge ausdenken oder lügen musst du deshalb auch nicht. Ich glaube es ist auch immer gut für eine*n selbst im Hinterkopf zu behalten, dass solche Fragen für Menschen mit "normaler" bzw. vorhandener Herkunftsfamilie ganz beiläufig sind. Und dem meistens auch nicht viel Bedeutung beigemessen wird. In unserem CL Universum ist das oft schwieriger und manchmal auch schmerzhaft, weil wir andere Erfahrungen damit verbinden. Mach dir keinen Kopf was das ganze betrifft. Ich selbst habe meinen Background lange Zeit mit sehr wenigen Menschen geteilt. Und als ich es dann tat, war es einigen egal (neutral) und der Rest hat sehr positiv darauf reagiert und Interesse gezeigt. Was nicht heißen soll, dass du alles mit allen teilen musst. Lass es einfach auf dich zu kommen und entscheide in der Situation, so wie es sich für DICH richtig anfühlt und du dich wohl fühlst.
    Schlussendlich bleibt immer allein dir überlassen, ob/wann/wie/wieviel du von dir selbst als Person preisgibst oder nicht. Du solltest kein Unbehagen dabei verspüren, deine Grenzen zu wahren (leider wird uns während unserer "Laufbahn" in Hilfeplangesprächen und diversen Einrichtungen die es gibt, etc. oft das Gegenteil vermittelt. Dadurch entsteht oft das Gefühl, dass uns Grenzen nicht zustehen. Aber das tun sie, basic human right). Alles Gute für dich &
    Sonnige Grüße, Thossi 🦋

  • Hallo moon,
    Das ist echt ein sensibles Thema. Wie viel möchte man von sich preisgeben? Wie kann man sich als Careleaver outen ohne die ganze Lebensgeschichte erklären zu müssen?
    Alles was Du über dich erzählst, liegt in deiner Verantwortung. Du bist Niemand schuldig Dinge von dir zu erzählen, die Du als privat oder intim empfindest.
    Auch, ist es sicherlich von Person und Situation abhängig, was und wie viel Du bereit bist zu erzählen. Und das ist ok.
    Während meines Studiums habe ich kaum jemanden davon erzählt. Tatsächlich ist die Frage so gut wie nie aufgekommen! Manchmal konnte ich so allgemein antworten, dass ich nicht lügen musste. Wenn mich also jemand gefragt hat, wo ich vor meinem Studium gewohnt habe, habe ich die Stadt und Stadtteil genannt, und so das Gespräch in eine andere Richtung gelenkt.

    Careleaver sein ist nichts, wofür man sich schämen brauch!

    In meiner neuen Arbeitsstelle gehe ich damit sehr offen um. Ich erkläre in 1-2 Sätzen dass ich Careleaverin bin und was das für mich bedeutet.
    Ich habe, seit dem ich das Thema für mich nicht mehr mit Scham besetze, festgestellt, dass  mir so gut wie keine Nachfragen gestellt werden. Je selbstbewusster ich mich als Careleaverin positionierte, desto angenehmer nimmt mein Gegenüber das auf, ohne dass ich eine  Stigmatisierungen oder andere negativ Assoziation hervorrufe.
    Schließlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass unser Gegenüber wahrscheinlich auch die ein oder andern Themen hat, über die es ungerne Spricht(Scheidung der Eltern / Tot eines Geschwisterkindes/ Erkrankungen). Ich denke, in guten Freundschaften ist man rücksichtsvoll und gewährt seinen Freund:innen Raum und Zeit, den sie benötigen.
    Ich hoffe, dass ich dir damit helfen konnte.

  • @moon Hi!
    Ich kann mich meinen vorrednern nur anschließen, zuerst: glückwunsch zum umzug und den einstieg ins studium!
    Zu deiner frage: da gibt es keine eindeutige antwort drauf.
    Es ist die frage, wie du dich am ende wohler fühlst!
    Ich für meinen teil, habe mir in der Schulzeit schon angewohnt, einen offenen umgang damit zu pflegen. Der offnen umgang hat mir auf vielen ebenen geholfen uns auch mich in meiner persönlichkeit weiter gebracht.
    Ich hatte auch sorge, dass ich damit herraufbeschwöre, dass andere menschen auf mich herrab schauen und mich klein halten. Das ist aber nicht passiert! Ich habe immer respekt dafür bekommen, wie und bis zu welchem punkt ich dinge erkläre.
    Es ist nicht wichtig, jedes leid genau zu erklären. Ich habe die erfahrung gemacht, dass viele nicht wissen was ein careleaver*in ist und wie man überhaupt jemand wird der hilfe benötitgt (hat). Diese unwissenheit kann leicht beseitigt werden und ab dann sind auch fast alle sorgen verschwunden.
    Dein leben hat dich zu der person gemacht, die du bist. Je eher du das für dich verinnerlicht hast, desto eher können dies auch andere sehen und verstehen! Wenn du ein großes ding daraus machst, ist es das auch für andere eine große sache. Je normaler du damit umgehst desto normaler ist es auch für andere

    Sollte es doch menschen geben, die deine biographie zum stigmatisieren nutzen, ist das ein guter grund, nicht all zuviel mit diesem menschen zu tun zu haben 😉